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Inclusive Citizenship – Spannungsverhältnisse, Dilemmata und Paradoxien von Inklusion und Citizenship

In einer globalisierten Welt steigen die Notwendigkeit von Orientierung, Selbstverortung und Verhandlung individueller Gruppenzugehörigkeiten, sowie die Anforderungen an selbstbestimmtes Handeln der Individuen. Die Analyse dieser Vergesellschaftungsprozesse unter der Perspektive von Inklusion und Citizenship zeigt zunehmende Handlungsoptionen, Chancen persönlichen und institutionellen Lernens und Möglichkeiten gesteigerter Nachhaltigkeit ebenso wie unausweichliche Spannungsverhältnisse zwischen Inklusion und Exklusion, zermürbende Dilemmata zwischen konkurrierenden normativen Ansprüchen und handlungsblockierende Paradoxien im Gefüge von Vergesellschaftungsprozessen. Die verschiedenen Projekte des interdisziplinären Leibniz Forschungszentrums Inclusive Citizenship an der Leibniz Universität Hannover widmen sich der Untersuchung dieser Prozesse aus bildungswissenschaftlicher, historischer, politikwissenschaftlicher, sonderpädagogischer, soziologischer und didaktischer Perspektive.

Inklusion, im Sinne einer Strukturierung von Vergesellschaftungsprozessen, die Solidaritäten und Individualitäten fördert, ist ein ständig gefährdeter Prozess. Versuche der Organisation inklusiver Teilhabe scheitern in vielen gesellschaftlichen Bereichen an fehlenden Ressourcen und Handlungsoptionen. Die Sicherung und Steigerung politischer Partizipation fördert die Artikulation von Interessengegensätzen und legt ungleiche Machtverteilungen offen. Durch Diversität gekennzeichnete Familien, Nachbarschaften, Bildungs- und Arbeitswelten produzieren zunehmenden Normalisierungsdruck. Gefährdete Inklusionen strukturieren sich über die klassischen Differenzlinien sozialer Ungleichheit wie Klasse, Religion, Ethnizität, Geschlecht, Behinderung oder Alter. Diese Differenzlinien generieren Gruppengrenzen, deren Thematisierung Gruppenhandeln ermöglicht und Individualisierungsprozesse unterstützt, gleichzeitig aber auch neue Exklusionen vorantreibt und gesellschaftliche Konfliktdynamiken verschärft.

Citizenship, hier verstanden im Doppelcharakter von bürgerschaftlichem Status und von bürgerschaftlicher Praxis, steht selbst immer im Spannungsverhältnis von erwünschter oder propagierter Inklusion bei tatsächlich mitproduzierter Exklusion.

Citizenship verweist sowohl auf die Mitgliedschaftsstatus wie auf die Mit-gliedschaftsrollen in einem Vergesellschaftungsprozess. In Bezug auf Status und Praxis steuert Citizenship jeweils spezifische Konfigurationen von Ex-klusionen und Inklusionen über verschiedene Vergesellschaftungsprozesse hinweg. Statuskonfigurationen und Formationen bürgerschaftlicher Praxen entwickeln unterschiedliche Inklusions- und Exklusionsdynamiken, in de-nen sich auch die Rolle herkömmlich nationalstaatlich verfasster Vergesell-schaftungsprozesse verändert. Globale Bezugspunkte bürgerschaftlicher Po-sitionen und Handlungen gewinnen durch internationale Organisationen, durch Mobilität und durch die verstärkte Wahrnehmung der Welt als Ganze an Bedeutung (Global Citizenship). Aus Sicht von Gruppenmitgliedschaften stehen Inklusionen und Exklusionen durch institutionell verhandelte und rechtlich begründete Vergesellschaftungsprozesse und informell verhandelte, nicht festgeschriebene, oft emotional hoch besetze Vergemein-schaftungsprozesse in einem wechselseitigen Steigerungsverhältnis.